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  • Nadine Schmid

"Das ist alles nur Psyche" - Mein Weg, bis mir endlich Ärzte glauben


Heute schreibe ich von meinem größten Erfolgs- und Glücksmoment nach einer lange Ärzte-Odyssee.


Seit ich 16 Jahre bin, hörte ich immer dieselbe Leier der Ärzte.


"Das mit dem Bauch kann gar nicht sein, vielleicht ist es nur psychischer Stress."


"Die starken Bauchschmerzen kommen davon, dass ich einfach keine Ausflüge machen möchte."


"Wir wissen auch nicht, warum alles nach der Sprunggelenkoperation aus dem Ruder läuft. Das hatten wir so noch nicht. Wir müssen zugeben, es reagiert einfach alles über. Sie dürfen jetzt einfach keinen Sport mit Stoßbewegungen mehr machen. Ansonsten einfach positiv bleiben."


"Das Zittern der Hände, bis mir die Gegenstände aus der Hand fielen, läge dran, dass ich die Tätigkeit nicht machen möchte (ja genau, deshalb bastele ich ja auch:)))"


"Die dauerhaften Schmerzen im Bein bilde ich mir ein, ich solle doch mal eine Psychotherapie machen. Das war einfach schon zu lange her."


"Ach übrigens die Allergien auf Kortison gibt es nicht, das ist nur psychisch, schließlich ist es ja ein körpereigener Stoff."


"Histaminintoleranz (damals wusste keiner was von MCAS) gibt es nicht, das bilden sie sich ein. Sie müssen einfach alles essen, ohne darüber nachzudenken."


"Sie dürfen sich nicht so viele Gedanken machen. Einfach positiv bleiben, denn die Dinge müssten schon gehen."


Diese Kommentare begleiteten mich nun über 15 Jahre. Jahre, in denen mir vermittelt wurde, ich bin falsch. Meine Wahrnehmung ist nicht richtig. Stattdessen hätte ein psychisches Problem und würde es nicht sehen wollen.


Der Einzige, der alles miterlebte und nie an mir zweifelte war mein Hausarzt, der früher lange Zeit Menschen mit psychischen Problemen behandelte. Seine Meinung war eindeutig, dass ich mir die Gegebenheiten nicht einbilde, sondern sie faktisch so sind. Er ging mit mir jeden unkonventionellen Weg, war offen für neue wissenschaftliche Entwicklungen und zögerte auch nicht mit mir die Herausforderung der MCAS Diagnose anzugehen.


Als nach meiner Knieop das CRPS ins linke Knie gesprungen war, begann der nächste Marathon mit Ärzten. Die Uniklinik hielt mich mal wieder für unglaubwürdig, psychisch instabil und meinte ich hätte das alles, weil meine Mutter MS hat und ich deshalb Probleme mit dem Bein spiegle. Sie machten mir zusätzlich Druck und indirekte Vorwürfe, dass ich für meine Tochter kein gutes Vorbild bin, wie man mit Schmerzen umgeht. Ich dürfe mich nicht darauf konzentrieren, sonst bekommt es zu viel Gewicht und was würde dann mein Kind daraus lernen und in ihr Leben mitnehmen.


Dieses Statement saß erst einmal echt tief. Die jahrelangen Vorhaltungen, dass ich meine Situation nicht gut meistere, erfuhr hier seinen Höhepunkt. Ich war sprachlos. Ich konnte nichts entgegensetzen, sondern verließ diesen Behandlungsraum, flüchtet noch in mein Auto und ließ meinen Emotionen freien lauf. Die Tränen liefen. Fassungslos und wütend saß ich da. Durfte mir ein fremder Mensch, der mich null kennt, so etwas sagen? Konnte diese Frau wirklich beurteilen, wie ich mein Leben und diese Situation meistere? Sie kannte mich überhaupt nicht und urteilte ohne mit der Wimper zu zucken. Allerdings gab es neben meiner Wut auf diese Ungerechtigkeit auch die Stimme in mir, die sagte: "Sie ist Ärztin an der Uniklinik, vielleicht hat sie recht. So viele andere sind ja ähnlicher Meinung."


Ich suchte mir psychologische Unterstützung. Nicht weil mich die Ärztin überzeugt hat, dass mein Weg falsch ist, sondern um mit dieser Situation und diesen Vorwürfen klarzukommen.


Die Therapie war wirklich gut. Mir hörte jemand zu und bescheinigte mir auch, dass ich definitiv nicht der Mensch bin, der aufgrund seiner mentalen Verfassung derartige Symptome entwickle. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, dass es noch Menschen gibt, die einen nicht in Schubladen stecken, die einem einfach zuhören, sich dann ein eigenes Bild machen und aufgrund ihrer Fachkompetenz mir wichtige Dinge mit auf den Weg geben. Wir arbeiteten dran, wie ich trotzdem positiv in die Zukunft gehen kann und dass ich jedes recht habe für mich einzustehen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen um das Leben leichter zu gestalten.


Gestärkt durch diese Erfahrung ging ich nochmal zu meinem Operateur und dessen Kollegen. Zwei Spezialisten, wenn es um die Behandlung von Sprunggelenken und Knien geht. Es war mein letzter Versuch eventuell doch noch eine Lösung zu finden, die es mir vielleicht ermöglicht paar Meter mehr, ohne Rollstuhl zu schaffen.


Dieser Tag im April war ein Glücksmoment, den ich nie vergessen werde.

Die beiden Ärzte nahmen sich erstaunlich viel Zeit für mich.

Sie sahen sich alles an, meine Beine mit dem CRPS, die MRT Bilder, die gar nicht so schlecht aussahen (CRPS ist auf MRTs meist nicht zu sehen), meine Haut, die Aufgrund von MCAS offene Stellen zeigte und sie erlebten mich.


Es kam der Moment, der für mich so unglaublich befreiend und einfach magisch war. Sie sahen mich an und meinte:

"Sie sind nicht der Typ Mensch, der sich die Dinge einbildet. Irgendetwas läuft bei ihrem Körper ganz schön schief und ganz anders als in jedem anderen. Es muss eine Ursache geben, und zwar keine psychische, sondern eine körperliche. Wir können Ihnen nicht weiterhelfen, aber wir suchen eine Adresse heraus für eine Klinik, die sich mit seltenen Erkrankungen auskennt. So kann man das auf keinen Fall stehen lassen. Es kann ja nicht sein, dass so viele Dinge passieren und keiner herausfindet, was los ist. Man muss unterscheiden, ob ein Mensch krank wird, weil die Psyche starken Einfluss auf die Gesundheit und körperlichen Prozesse nimmt, oder ob die körperlichen Probleme über so lange Zeit einen zur psychischen Belastung werden".


Dies war das schönste und beste, was je ein Arzt zu mir gesagt hat. Das war das, was ich mir so lange gewünscht habe zu hören. Ein Mensch hat es verstanden. Er hat mich im Ganzen gesehen. Er hat nicht sofort eine Schublade geöffnet und mich da hineingesteckt. Die beiden Ärzte hatten wirkliche Empathie für meine Situation. Sie begriffen, was das hier alles für mich bedeuten muss, obwohl ich es nicht aussprach. Die Anteilnahme war so groß und ihre Betroffenheit spürbar. So betroffen wollte ich sie nicht zurücklassen und zeigte ihnen, dass mein Leben trotzdem schön ist, ich damit absolut gut zurechtkomme und mein Rollstuhl keine Belastung, sondern ein Segen ist. Es gelang mir glaubhaft zu machen, dass ich dankbar für alles bin, was noch ohne Rolli geht und dass ich liebe ihn für meine Freiheit zu nutzen.


Ich ging aus dem Zimmer nicht mit einer Lösung für mein Knie, dem Sprunggelenk oder meiner Situation, aber mit dem unbeschreiblichen Gefühl nicht falsch zu sein. Mit der Gewissheit, dass meine Wahrnehmung mich nicht trügt und dass ich auf mich und mein Gefühl vertrauen darf. Dies war mehr wert als jede Schiene.


Vielleicht findet sich der eine oder andere in meiner Geschichte wieder. Ich möchte euch sagen es lohnt sich, für sich zu kämpfen und einzustehen. Vertraut auf eure Wahrnehmung, egal was jeder vermeintlich noch so qualifizierte Mensch glaubt euch weiß machen zu müssen. Ihr steckt in eurem Körper und keiner kennt ihn so gut wie ihr. Glaubt an euch, auch wenn es noch so schwierig ist. Eines Tages wird es den einen Menschen geben, der euch so sieht wie ihr seit und nicht, was die Fachbücher sagen. Nicht immer hat ein Buch recht. Jeder ist besonders und keiner kann mit dem anderen verglichen werden.


Glaubt an euch und gebt die Hoffnung niemals auf.

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