Suche
  • Nadine Schmid

Tabuthema: Sternenkind



Das Thema Sternenkind ist in unserer Gesellschaft keines, über das man einfach spricht. Es wird vermieden, darüber zu sprechen, wie viele Paare den Moment des abrupten Abschiedes eines ungeborenen Lebens erleben müssen. Dabei ist es völlig unerheblich, wann das passiert. Egal ob in der 6. Woche oder der 30. Woche, es fühlt sich für die Frau, die sich auf dieses kleine Lebewesen von ganzem Herzen gefreut hat, zu jedem Zeitpunkt schrecklich an. Ich maße mir hierbei keine Bewertung an, ob es da einen messbaren Unterschied der Trauer und des Verlustschmerzes gibt. Das Erleben und Fühlen ist so individuell, dass man es einfach nicht vergleichen kann und darf. Jeder Mensch hat das Recht zu trauern und den Prozess des Loslassens für sich so zu gestalten, dass es sich für einen richtig anfühlt.


Einige werden sich fragen, warum ich einen Beitrag zu diesem sehr emotionalen Thema schreibe, obwohl es ja offensichtlich so scheint, als hätte das mit den anderen Bereichen meines Blogs nichts zu tun. Hat es aber schon. Es geht um meine Geschichte und ich möchte, dass dieses Thema, welches immer totgeschwiegen wird, einmal in den Mittelpunkt gestellt wird und Menschen, die das Gleiche erlebt haben, sehen, sie sind nicht alleine und es ist in Ordnung zu trauern, zu fühlen und darüber zu sprechen. Ich habe es selber erlebt, wie dieser Verlust ist. Ich habe erfahren, was es heißt, mit niemandem darüber sprechen zu können, weil es ein Tabuthema ist. Und genau deshalb mache ich es jetzt hier, in der Öffentlichkeit.


Zwei Jahre, nachdem wir das wundervolle Glück gehabt haben, eine kleine, gesunde Tochter zu bekommen, entschieden wir uns, es noch einmal zu wagen. Wir wollten noch so einen kleinen, kostbaren Schatz in unserer Mitte haben und mit all unserer Liebe groß werden sehen. Nachdem ich trotz Pfeifferschem Drüsenfieber damals bei unserer Maus sofort schwanger wurde, obwohl die Ärzte es für fast unmöglich hielten, dass der Körper das zulässt, meinte ich ganz naiv, das würde wieder ein so einfacher Weg. Aber wie mein Körper so ist, hat er immer eine Überraschung für mich parat.

Wir versuchten also diesmal schon einige Zyklen lang schwanger zu werden, bis eines Tages der Test endlich positiv war. Wir freuten uns riesig. Ich meine, was sollte schon schiefgehen, die erste Schwangerschaft war relativ unproblematisch und trotz Pfeifferschem Drüsenfieber kein Problem, was also sollte dann jetzt, wo so weit alles gut war, schon passieren.


In der 7. Woche konnten wir noch keinen Herzschlag sehen und deshalb sollte ich in einer Woche wieder kommen. Diese Woche fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Ich hatte tief in mir das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt mit dem Kleinen. Als wir wieder beim Arzt waren, nahm ich meinen Mann mit. Ich hatte eine Ahnung, dass es gut und wichtig ist. Genau so war es. Wir erfuhren, dass wir diesmal nicht Eltern eines neuen, kleinen Menschen werden. Ich ließ mir das Bild vom letzten Ultraschall ausdrucken, auf dem es nur ganz klein zu sehen war, aber ich wollte eine Erinnerung.


Vier Wochen später hatte dann auch mein Körper realisiert, dass die Schwangerschaft keinen Sinn mehr hat und beendete sie. Ich hatte für mich entschieden, das alles dem natürlichen Lauf des Lebens zu überlassen und es war für mich die richtige Entscheidung. Wir haben im Garten einen kleinen Stein mit zwei Herzen unter unseren Haselnussbaum gelegt, um einen Ort der Erinnerung zu schaffen. In unserem Wohnzimmer steht eine kleine Figur, die eine Frau zeigt, auf deren Händen eine Taube mit ausgebreiteten Flügeln sitzt - als Zeichen für den kleinen Menschen, den wir wieder ziehen lassen mussten. Daneben steht die Figur, die wir zur Geburt unserer Tochter bekommen haben (ein Engel, der ein Kind an den Händen hält). Dazwischen ein kleines Herz aus Holz als Verbindung. Es ist ein Zeichen unserer Liebe zu beiden.


Die erste Zeit war nicht einfach. Auch wenn viele meinen, dass kann doch nicht so schlimm sein, schließlich weiß man ja, dass es im ersten Trimester immer zu Abgängen kommen kann, sei gesagt, jeder Verlust schmerzt. Man freut sich von der ersten Sekunde an auf dieses kleine Wunder und dann zu erfahren, es wird nicht dazu kommen, diesen Menschen in Händen zu halten, schmerzt. Natürlich hatte ich meinen kleinen Sonnenschein und deshalb habe ich mir auch nichts anmerken lassen, aber innerlich kämpfte ich mit meinen Gefühlen. Das Schwierige in dieser Zeit und der Grund, warum ich dazu heute etwas schreibe ist, dass es ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist. Keiner spricht darüber. Keiner kann damit umgehen, wenn man erzählt, dass man ein Sternenkind hat.


Das war für mich sehr schwierig. Allein zu sein mit meinem Gefühlschaos und niemanden zu haben, mit dem man einfach darüber reden und es teilen kann. Die Hebamme war keine Hilfe. Sie bot zwar an, dass wir uns unterhalten, aber man merkte, dass sie sich damit nicht wohlfühlte, wodurch das Gespräch bald beendet war. Meine beste Freundin zu dieser Zeit konnte damit ebenfalls nicht umgehen. Ich mache ihr keinen Vorwurf, da es ein schwieriges Thema ist, allerdings hätte ich mir gewünscht, mit ihr darüber reden zu können. Der Kontakt wurde weniger und dieses Thema wurde totgeschwiegen - wie immer.


Ich brauchte etwas, was mir wieder Halt gab. Etwas, in das ich meine volle Leidenschaft, Energie und Herzblut stecken konnte. Das erste Mal fragte ich mich - was wollte ich schon immer tun. Ein paar Tage später fand ich die Antwort. Ich wollte auf die Bühne. Ich wollte Theater spielen. Ich wollte andere Menschen begeistern, ihnen unvergessliche Stunden voller Freude, Spaß und Leichtigkeit schenken. Ich suchte nach einer Theatergruppe und wurde schnell fündig. Diese Gruppe nahm mich sehr herzlich auf. Ich war von Beginn an super in die Gruppe integriert und gewann viele neue Freunde, von denen mir bis heute ein paar geblieben sind. Ich durfte Theater spielen. Ich konnte meinen Traum leben und hatte nie so viel Spaß, wie in den Zeiten der Proben und Aufführungen. Es waren so viele tolle Menschen um mich, mit denen wir wunderschöne Stunden verbrachten. (Leider wurde diese Gruppe dieses Jahr aufgelöst und viele "Freunde" gingen mir verloren, aber dazu habe ich ja auch einiges in den anderen Beiträgen geschrieben).


Einige Monate später kam meine Freundin Ann-Katrin, die zu der Zeit schon einige hundert Kilometer entfernt wohnte, zu Besuch. Sie war die Erste und Einzige, mit der ich offen über mein Sternenkind sprechen konnte. Sie war nicht beschämt oder peinlich berührt. Nein, sie war offen, hörte zu und ließ mich an ihren Gedanken dazu teilhaben. Ich glaube, dass dies für mich der Moment war, an dem ich erkannte, wie viel mir diese Freundschaft gab. Danach entwickelte sich unsere Freundschaft immer weiter und seit ein paar Jahren sind wir beste Freundinnen, fast wie Schwestern. Sie ist immer für mich da und egal welche Hürden das Leben für mich bereithielt und hält, ist sie da und steht sie mit mir durch. Es ist völlig egal, das zwischen uns 800 km liegen, sie ist einfach da und dafür bin ich unendlich dankbar.


Diese Zeit beim Theater und die Gespräche mit Ann-Katrin halfen mir aus meinem Stimmungstief heraus und ich beschloss, dieses Thema für mich nicht zu tabuisieren. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen muss und es gehört zu mir. Diese Zeit gehört zu meinem Leben und hat es geprägt. Als ich ein Jahr später noch einmal schwanger war, war ich nicht mehr so blauäugig und zog die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgehen könnte, in Erwägung. Das bewahrte mich davor, 6 Wochen später wieder in ein tiefes Loch zu fallen. Mein Mann und ich entschieden uns daraufhin, unser Glück nicht noch einmal herauszufordern, sondern glücklich und dankbar dafür zu sein, einen kleinen Engel bei uns zu haben, den wir mit all unserer Liebe und Fürsorge auf seinem Weg begleiten dürfen. Mittlerweile vermuten wir, dass dies alles mit meinem MCAS zusammenhängt. Sicher wissen wir es nicht, aber es ist sehr gut möglich.


Ich hoffe sehr, dass unsere Gesellschaft eines Tages bereit ist, auch über schmerzliche Themen zu sprechen, damit Betroffene sich nicht länger alleine und ausgeschlossen fühlen. Dazu gehören für mich auch Erfahrungen mit Verlust, Tod und Behinderung. Was für einen Grund sollte es geben, nicht offen über diese Dinge zu sprechen. Richtig - Keinen!



60 Ansichten
 
  • Instagram
  • Facebook

©2020 Mein Leben mit Hochsensibilität, MCAS und CRPS / Morbus Sudeck. Erstellt mit Wix.com

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now